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Heike Pinnow: Sind die Zehn Gebote in unserem Alltag auch heute noch einzubringen?

Ich habe mir die Zehn Gebote (nach längerer Zeit) wieder einmal in Ruhe durchgelesen, und für mich sind einige aktuell wie in der Zeit, als sie erlassen wurden, aber bei anderen musste ich genau überlegen, wie ich sie in unser heutiges Leben überleite!

Das erste Gebot „Ich bin der Herr, dein Gott“ versteht sich für mich von selbst: Ich glaube an Gott - und andere Götter, nein, die habe ich natürlich nicht. Beim nächsten kommen mir ganz alltägliche und menschliche Gedanken, wenn es heißt: „Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen!“ Ich versuche es zu vermeiden zu fluchen. Aber ich rufe schon mal „Herrgott nee…“ oder „Um Gottes Willen, warum ist die Bahnschranke wieder direkt vor mir 5 Minuten geschlossen?“ Man gebraucht doch oft Redewendungen, aber das verstehe ich nicht als Gotteslästerung, sondern irgendwie als Hilferuf - und manchmal tut Schimpfen eben gut! Ich glaube nicht, dass Gott deswegen ärgerlich ist!

Dass man den Feiertag heiligen soll, ist für mich selbstverständlich. Ich gebe zu, dass ich es nicht gut finde, wenn Nachbar XY an Christi Himmelfahrt sägt und bohrt! Und ja, natürlich soll man Vater und Mutter ehren. Unser Pastor hat erklärt, dass das Gebot nicht für Kinder, sondern für Erwachsene gemacht wurde. Es geht um „ältere“ Eltern, und da gibt es oft Probleme: Gesundheit und Pflege, und vor allem die Unterbringung in schwierigen Fällen … ein sehr sensibles Thema! Man liebt und achtet seine Eltern. Trotzdem muss man manchmal schmerzliche Entscheidungen treffen.

Mit den nächsten beiden Geboten ist es nicht einfach: „Du sollst nicht töten“. Natürlich hat kein Mensch das Recht, einen anderen zu töten, aber Polizisten führen immer eine Waffe mit sich und dürfen sie im Ernstfall auch benutzen. Ich denke auch für andere Situationen oft: Wo endet Notwehr und wo beginnt Mord?

Und das Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“? Für die meisten von uns sind Treue und Vertrauen wichtig, aber wenn es keine gemeinsame Zukunft mehr gibt, sollte man sich trennen. Oder verzeihen und neu beginnen. Oder wie sehen Sie das? Man könnte an dieser Stelle noch viel mehr schreiben, jeder hat dazu seine eigene Meinung. Und „Gott sei Dank“ hat sich zu diesem Thema auch einiges verändert und verbessert.

Dass man nicht stehlen soll, ist klar. Aber wer hat nicht schon einmal einen Stift oder anderes aus dem Büro mitgenommen oder irgendeine Nichtigkeit aus dem Hotel? Genau betrachtet ist auch das Diebstahl. Doch es geht in dieser Hinsicht wohl um andere „Delikte“.

Beim Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ kann ich schon sofort sehr gut in unsere Zeit überleiten. Die sozialen Netzwerke sind eine tolle Sache, aber dort kann man einen anderen Menschen recht einfach runtermachen und das mit vielen „Followern“ und auch sehr gut anonym. Jeder von uns lästert mal und meistens nicht in wirklich böser Absicht. Aber wo endet Lästerei, wo beginnt üble Nachrede? Wir sollten uns alle immer mal wieder kontrollieren, aber auch überlegen, wie viel wir öffentlich von uns preisgeben!

Die beiden letzten Gebote sind für mich auch sehr modern und menschlich, zunächst „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“. Es wird immer passieren, dass jemandem die Frau des Nachbarn gut gefällt oder der Arbeitskollege/die Arbeitskollegin. Flirten ist erlaubt, aber man sollte wissen, wo die Grenze ist, oder?

Und das letzte Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Hof, Vieh usw.“? Neid und Missgunst sind allzu menschliche Charaktereigenschaften. Warum können die gegenüber zweimal im Jahr in Urlaub fahren? Warum hat die Kollegin schon wieder neue Klamotten an? Warum erbt die Bekannte das Haus ihrer Eltern und ich sitze immer noch in meiner Mietwohnung? Manchmal kann ein Mensch ärgerlich und ungerecht sein. Soziologen sagen sogar, dass Neid eine nützliche Charaktereigenschaft sein soll. Sie soll uns angeblich anspornen und aktiv werden lassen. Aha! Ich sage für mich, man tut viel für die eigene Gesundheit, den Seelenfrieden und die äußere Erscheinung, wenn man dem anderen etwas gönnt und sich selbst sagt, dass man zufrieden und dankbar sein kann.

Nicht für alles im eigenen Leben, aber für Vieles. Ja, es menschelt in den Zehn Geboten, damals und heute. Aber für Menschen wurden sie ja auch gemacht. Ich habe mich gerne mal wieder mit ihnen auseinander gesetzt!
Ihre Heike Pinnow