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Die Geburt Jesu Christi: Stellenwert bei Christen und Muslimen

Unsere Lokalpresse NEUE WESTFÄLISCHE berichtet am 24.12.2014 in Ihrem Artikel "Prophet und Sohn Gottes" über die Sicht von Nida Gondal, der stellvertretenden Integrationsbeauftragten und Muslimin, und Pfarrer Carsten Glatt auf Weihnachten und Jesus. Die Geburt Jesu Christi hat für Christen und Muslime einen unterschiedlichen Stellenwert. Während im Christentum Gott auf die Welt kommt, ist es im Islam der Prophet Jesus.

Die Rolle Jesu im Islam

Zu den sechs Glaubensgrundlagen des Islams gehört auch der Glaube an alle Gesandten Gottes, da der Islam davon ausgeht, dass jeder Gesandte vom einem und demselben Gott stammen. Gottes Lehre wird so eher als ein Kontinuum verstanden, in der Adam als erster Prophet Gottes angesehen wird, der die erste Botschaft Gottes an die Menschen herantrug. Auch Jesus wird im Islam als ein Prophet gesehen, der von Gott gesandt wurde, um die Menschen auf die bisherige Lehre, die unter anderem Abraham und Moses brachten, zurückzuführen.

Auch der Rang der Mutter Jesu ist im Islam sehr hoch angesehen. Ähnlich wie in der Bibel wird sie als Verkörperung der Reinheit und Gottergebenheit angesehen. So wird sie allen Gläubigen als Vorbild gesetzt. Der Zeitpunkt der Geburt Jesu wird an die wenigen Indizien in der Bibel angelehnt und auch im Koran erwähnt. So ist von reifen Datteln die Rede und auch die biblische Überlieferung der Geburt Jesu attestiert, dass die Krippe Jesu im Freien lag. Daher wird davon ausgegangen, dass Jesus im Spätsommer geboren wurde und nicht im Dezember. Jedoch ist auch zu bedenken, dass die klimatischen Bedingungen vor ungefähr 2000 Jahren anders als heute gewesen sein könnten. Der Islam hebt hervor, dass Gott der Alleinige ist, der weder von jemandem gezeugt wurde, noch jemanden zeugt (Sure 112, Vers 4). An anderer Stelle (Sure 4, Vers 172) wird explizit erwähnt, dass Jesus lediglich ein Gesandter Gottes war.

Auch bezüglich der Kreuzigung Jesu unterscheiden sich die Ansichten des Islam und des Christentums voneinander. Aus islamischer Perspektive ist Jesus nicht am Kreuz gestorben, sondern erschien lediglich so (Sure 4, Vers 158).

Auch der Grund für das Wirken Jesu wird in beiden Religionen verschieden angesehen. Der Islam lehnt das Konzept der Erbsünde ab. Aus islamischer Perspektive wird jedes Kind unschuldig und sündenfrei geboren. Am Tag des Jüngsten Gerichts wird jeder für seine/ihre Sünden verantwortlich sein, wobei niemand die Last eines Anderen auf sich nehmen kann (Sure 35, Vers 19). Diese Last, so heißt es ebenfalls im Koran, wird nicht höher sein, als ein jeder Mensch bürgen kann (Sure 2, Vers 287). Sowohl in der Bibel als auch im Koran finden sich Indizien dafür, dass es die Aufgabe Jesu war, die "verlorenen Schafe Israels" aufzusuchen und rechtzuleiten.

Was nun den weiteren Verlauf des Lebens Jesu angeht, so teilen sich die Meinungen auch innerhalb der islamischen Strömungen. Die meisten Muslime gehen davon aus, dass Jesus, nachdem er von Gott vor der Kreuzigung errettet wurde, zum Himmel auffuhr und warten ähnlich wie die Christen auf dessen Wiederkehr. Ein anderer Teil der Muslime geht aber davon aus, dass Jesus nicht zum Himmel auffuhr, sondern ausgewandert sein müsste. Hierzu stützen letztere sich auf zwei Koranverse (Sure 53, Vers 51 und Sure 3, Vers 56), in denen es unter anderem heißt: "Und wir machten den Sohn der Maria und seine Mutter zu einem Zeichen, und gaben ihnen Zuflucht auf einem Hügel mit einer grünen Talmulde und dem fließenden Wasser von Quellen."

Beide Koranverse lassen die Interpretation zu, dass Jesus und Maria von Gott aufgerufen wurden, auszuwandern. Denn in Jerusalem wurden sie verfolgt, sie konnten dort kaum noch leben. Auch kann nach dieser Interpretation von der Kundgebung eines natürlichen Todes Jesu gesprochen werden. Anhänger der Ahmadiyya Muslim Jamaat (eine auf den Islam fußende Religionsgemeinschaft, Anm. d. Red.) zum Beispiel gehen von dieser letzten Interpretation des weiteren Lebenslaufes Jesu aus und verstehen die Wiedergeburt Jesu als eine metaphorische. Zudem glauben sie, dass der vorhergesagte Messias, die Wiederkehr Jesu, bereits erschienen ist und die Mission Jesu nämlich die Menschen zum Einen Gott aufzurufen und auf die Lehre Gottes zurückzuführen fortsetzte.

Da der Islam davon ausgeht, dass die Botschaft Gottes und seine Gesandten ein Kontinuum bilden, wird der Koran als letzte Schrift Gottes und der Prophet Muhammad als Siegel der gesetzgebenden Propheten angesehen. Die Aufgabe der Wiederkehr Jesu, des Messias, ist es, die Menschen auf die nun vollendete Lehre Gottes zurückzuführen und sie vor Verkrustungen zu befreien.

Die Bedeutung von Weihnachten im Licht der Erzählungen von Matthäus und Lukas

Weihnachten feiern wir die Geburt von Jesus, seinen Geburtstag. Gottes Gegenwart in dieser Welt - so glauben das die Christen aller Konfessionen. Übrigens ist der wirkliche Tag der Geburt von Jesus nicht bekannt, nicht einmal das Jahr. Keine Hebamme stand daneben und hat fein säuberlich Tag und Stunde fürs Einwohnermeldeamt notiert. Dafür war das seltsame Paar aus dem entlegenen Fleck des Römischen Reiches zu unwichtig. Und die Zeiten waren andere.

Jesus könnte also auch am 13. April oder 21. August geboren sein. Irgendwann hat "Kirche" sich entschieden, das rund um die Wintersonnenwende zu feiern. Warum? Wann kann man besser feiern, dass das Licht in die Welt gekommen ist, als an der dunkelsten Stelle des Jahres? Gott kommt auf die Welt - und es wird wieder heller! Nie mehr kann es ganz dunkel sein.

Nicht alle der vier Evangelien der Bibel berichten über die Geburt von Jesus. Bei Johannes ist Jesus schon von Beginn der Welt als Gott oder Gottessohn vorhanden. Bei Markus wird er zum Gottessohn durch die Taufe. Nur Matthäus und Lukas kennen Geburtsgeschichten von Jesus, die seine göttliche Herkunft verdeutlichen sollen. Alles übrigens sehr schön zu sehen im neuen Fenster der Friedenskirche.

Im Lukasevangelium steht die "klassische" Weihnachtsgeschichte, so, wie sie an den Feiertagen in Zehntausenden von Gottesdiensten in unseren Land verlesen wird: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging (. . .)"

Im Unterschied zu Lukas beginnt Matthäus mit einem Stammbaum. Und er schreibt seinen Stammbaum so, dass er auf die symbolträchtige Zahl von dreimal vierzehn Generationen kommt. Matthäus ist Theologe, kein Genealoge. Im Stammbaum Jesu gibt es, so kann man feststellen, nichts, was es nicht gibt: Ehebrecher, Kuckuckskinder, Halbgeschwister und Leihmütter gehören dazu, Schurken und Helden, Huren und Heilige. Und man kann sich fragen, ob daher vielleicht die dem Kind auch später nicht abzugewöhnende Leidenschaft für Menschen mit irregulären Lebensläufen stammen könnte. Schon Simson und Samuel, der den ersten von Israels Königen salbt, waren Kinder von unfruchtbaren Frauen. Und "auch Matthäus kommt nicht darum herum: Nun, da die Zeit des Messias anbricht, muss gleichfalls eine wunderbare Geburt geschehen, denn nur so kann Matthäus ausdrücken, was Jesus für die Menschen war: ein Geschenk des Himmels." (Zitat: Nico ter Linden).

Matthäus legt in seiner Geschichte von der Geburt Jesu einen Schwerpunkt auf die Gestalt des Josef. Über ihn ist Jesus in den Stammbaum Davids eingebunden, wie bei Lukas (Lk 1,27). Diese kleine Notiz entfaltet Matthäus zu Beginn seiner Geschichte, und er erzählt von Josefs Gehorsam, seiner vorehelichen und vorgeburtlichen Treue. Ein Vater wider Willen, aber keiner, der wegläuft. "Fürchte dich nicht" sagt der Engel zu ihm. "Nimm Maria und nimm das Kind in ihr an, als ob es Deines wäre."

Auch nach der Geburt hört Josef auf den Engel und flieht mit Mutter und Kind nach Ägypten. Schön, dass damals niemand gegen diese Flüchtlinge protestiert hat und sie eine Zeit lang eine sichere Bleibe fanden. Das Volk Israel hat in seiner Geschichte immer die Erinnerung daran bewahrt, dass es mal "in der Fremde", unter anderem auch in Ägypten, leben musste. Dies lässt Matthäus Jesus und seine Eltern ebenfalls erleben. Der Sohn Gottes kommt auf diese Welt - und muss fliehen.

Solche Gegensätze werden das ganze Leben von Jesus durchziehen, bis zu seinem Tod am Kreuz. Der Herr der Welt kommt in diese Welt, vielleicht 45 Zentimeter groß und ein paar Pfund schwer, als Baby. Matthäus und Lukas legen beide Wert auf diese Beschreibung der Menschwerdung Gottes: Gott ist nicht vom Himmel gefallen oder herabgestiegen, sondern "inkarniert", also Fleisch geworden, aus dem Bauch einer Frau herausgeboren worden, so wie jeder Mensch auf dieser Welt. Das macht diese beiden Berichte für mich sympathisch.

Zwei Besonderheiten möchte ich am Ende noch erwähnen: Nur Matthäus erzählt von der schon erwähnten Flucht und von den drei Weisen ("Könige" waren es nicht!), die durch einen besonderen Stern den Weg zur Krippe gefunden haben. Man ist sich nicht ganz sicher, aber eine in die Jahre kurz vor dem heutigen Jahr Null fallende besondere Stern- oder Planetenkonstellation könnte der Ursprung dieser Erwähnung gewesen sein.

Lukas hingegen berichtet von den Hirten, Menschen am unteren Ende der gesellschaftlichen Rangordnung. Gott hat ein Herz für die Kleinen, die Schwachen und Unbedeutenden, das ist das Thema von Lukas, das sein Evangelium durchzieht: und auch das ist eine gute Nachricht für diese Welt und für jeden Menschen! Matthäus und Lukas berichten verschieden, gemeinsam bleibt aber das Wichtigste. Weil Gott Mensch wird, kommt er uns ganz nah, begegnet uns auf Augenhöhe und wird ein Gott zum Anfassen. Einen den Menschen so nahen und zugewandten Gott kennt nur der christliche Glaube.

© 2014 Neue Westfälische
06 - Schloß Holte-Stukenbrock, Mittwoch 24. Dezember 2014


Bilder aus dem Bericht der NEUEN WESTFÄLISCHEN